Giganotosaurus
Sein Schädel war bis zu 1,7 Meter lang, fast so lang, wie ein Erwachsener groß ist. Sein Oberschenkelknochen reichte einem Menschen bis zur Brust. Giganotosaurus carolinii gehört zu den größten Raubdinosauriern, die man bisher gefunden hat. Ob er der größte war, ist offen. Schon sein Gewicht lässt sich nur grob schätzen: von gut 4 bis 9 Tonnen.

Auf einen Blick
| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Name | Giganotosaurus carolinii („riesige Echse des Südens“, benannt nach dem Finder Rubén D. Carolini) |
| Erstbeschreibung | Coria & Salgado, 1995 |
| Länge | rund 12 m (Erstbeschreibung: 12,5 m; Holotyp: 12,2 m) |
| Gewicht | je nach Schätzung gut 4 bis 9 t |
| Schädellänge | rund 1,5 bis 1,7 m |
| Fundort | Argentinien, Provinz Neuquén (15 km südlich von Villa El Chocón) |
| Formation | Candeleros-Formation |
| Zeitalter | Oberkreide (Albium–Cenomanium) |
| Ernährung | Fleischfresser |
| Verwandtschaft | Carcharodontosauridae (eine Familie großer Raubdinosaurier) |
| Fossilien | Teilskelett mit Schädel (rund 70 % des Skeletts), ein zweites Exemplar mit Unterkiefer, einzelne Zähne |
Wer fand ihn, und was bedeutet sein Name?
Rubén D. Carolini fand das Skelett. Die Forscher Rodolfo Coria und Philip Currie datieren den Fund auf das Jahr 1993. Die Fundstelle liegt 15 Kilometer südlich von Villa El Chocón in Patagonien. Der Körper war leicht auseinandergefallen, und der Schädel lag über etwa zehn Quadratmeter verstreut. Die Hirnkapsel blieb gut erhalten (Coria & Currie 2002).
Den Namen setzten Coria und Salgado aus gigan (Latein: riesig), motos (Griechisch: südlich) und saurus (Echse) zusammen, dazu kam der Name des Finders (Coria & Salgado 1995).
Wie groß und wie schwer war Giganotosaurus?
Mit gut 12 Metern war er so lang wie ein Linienbus. Er lief auf zwei Beinen. Der Schwanz machte einen großen Teil seines Gewichts aus. Deshalb lag der Schwerpunkt nah an der Hüfte (Blanco & Mazzetta 2001).
Rund 70 Prozent des Skeletts sind erhalten (Candeiro & Martinelli 2005). Das klingt viel. Trotzdem müssen Forschende Länge und Gewicht schätzen, und die Ergebnisse gehen weit auseinander:
| Quelle | Länge | Gewicht |
|---|---|---|
| Coria & Salgado 1995 | 12,5 m | 6 bis 8 t |
| Coria & Currie 2002 | mindestens 12 m | 4,16 t |
| Blanco & Mazzetta 2001 | mehr als 12 m | 9 t |
| Mazzetta et al. 2004 | – | gut 8 t |
| Reolid et al. 2021 | 12,5 bis 13 m | 6,4 bis 7,2 t |
| Pintore et al. 2024 | – | 5,96 t (±25 %) |
| Candeiro & Martinelli 2005 | etwa 14 m (Bildunterschrift zur Rekonstruktion) | – |
Warum die Spanne so groß ist? Jede Studie rechnet anders. Pintore und Kollegen leiten die Masse aus dem Umfang des Oberschenkels ab. Coria und Currie nutzten ebenfalls den Umfang, kamen aber mit einer anderen Methode auf nur 4,16 Tonnen. Der 9-Tonnen-Wert stammt aus einer unveröffentlichten Masterarbeit. Welche Zahl stimmt, ist bis heute ungeklärt.
Auch bei den Knochen selbst weichen die Angaben ab. Die Erstbeschreibung misst den Oberschenkel mit 1,43 Metern. Pintore und Kollegen geben für den linken Oberschenkel 1.374 Millimeter an. Warum, sagen die Studien nicht.
Ein zweites Tier war womöglich noch größer. Sein Unterkiefer ist acht Prozent länger als der des ersten Fundes. Rechnet man das hoch, kommen Mazzetta und Kollegen auf 8,2 bis 10,1 Tonnen.
Auch der Titel „größter Raubdinosaurier“ ist nicht gesichert. Eine Studie nennt ihn den größten Theropoden der Welt. Eine andere sagt nur, er sei „wohl“ der größte bekannte, und stellt ihm den etwa gleich großen Mapusaurus zur Seite (Coria & Currie 2006).

Giganotosaurus oder T. rex: Wer war größer?
Die Erstbeschreibung stellt den Fund neben „Sue“, den größten bekannten Tyrannosaurus rex. Der Oberschenkel von Giganotosaurus ist mit 1,43 Metern etwa 5 Zentimeter länger. Das Schienbein ist mit 1,12 Metern dagegen 8 Zentimeter kürzer (Mazzetta et al. 2004). Die Forscher halten den Fund für etwa so groß wie einen durchschnittlichen T. rex und nur knapp kleiner als „Sue“.
Ein 3D-Modell kommt zum umgekehrten Ergebnis. Reolid und Kollegen rechnen ihren T. rex auf etwa 10 bis 11,6 Tonnen hoch, deutlich schwerer als ihren Giganotosaurus. Sie führen die hohen Werte selbst auf den Schwanz im Modell zurück. Beide Tiere hatten einen sehr großen Kopf im Verhältnis zum Körper und verloren wenig Körperwärme.
Ein Schädel so lang wie ein Mensch
Je nach Studie war der Schädel 1,53 bis rund 1,7 Meter lang. Schon bei 1,53 Metern war er etwa doppelt so lang wie bei Abelisaurus (85 Zentimeter) und Allosaurus (75 Zentimeter) (Coria & Salgado 1995). Im Vergleich mit Mapusaurus fallen einige Merkmale auf (Coria & Currie 2006):
- Der Oberkiefer ist gestreckter, der Schädel weniger hoch und schmal.
- Auf den Nasenbeinen sitzen raue Wülste.
- Über dem Auge trägt ein Knochen am Augenbogen einen langen Kamm mit tiefen Rillen. Er sieht aus wie ein flaches „Horn“.
- Der Unterkiefer wird nach vorn um 33 Prozent höher. Bei anderen großen Raubdinosauriern steigt die Höhe selten um mehr als 10 Prozent.
Die Zähne waren schmal und scharf wie Messer. Die größten messen mit Wurzel bis zu 213 Millimeter. Das ist länger als ein Bleistift. Auf fünf Millimeter Kantenlänge sitzen 7,5 bis 10 kleine Zähnchen (Coria & Currie 2006). Der Zahnschmelz ist gewellt, aber nur bei den größten Oberkieferzähnen deutlich (Brusatte et al. 2007).
Das Stirnbein ist nur 31,5 Millimeter dick. Bei einem etwas kleineren T. rex misst es 65 Millimeter (Coria & Currie 2002).
Wie viel Gehirn steckte im Schädel?
Die Hirnhöhle fasste etwa 275 Milliliter, etwas mehr als eine große Tasse. Das ergaben CT-Scans und eine Messung per Wasserverdrängung (Paulina Carabajal & Canale 2010). Zum Vergleich: Bei Carcharodontosaurus waren es 224 Milliliter, bei Tyrannosaurus 343.
Das Gehirn selbst war kleiner als die Höhle, denn bei Reptilien füllt es nur 50 bis 95 Prozent davon aus. Coria und Currie rechnen mit rund 248 Gramm, so viel wie ein Päckchen Butter. Das Gehirn ähnelt dem heutiger Reptilien und ist ursprünglicher gebaut als das der Vogelverwandten. Riechkolben und Riechnerv waren gut entwickelt. Zusammen messen sie etwa 100 Millimeter, rund 45 Prozent der Länge des Hirnausgusses.
Wie schnell konnte er rennen?
Ein Sturz wäre für ein mehrtonniges Tier gefährlich gewesen. Blanco und Mazzetta fragten deshalb: Wie schnell kann so ein Tier laufen, bevor es das Gleichgewicht verliert? Ihr Modell liefert für Giganotosaurus etwa 14 Meter pro Sekunde. Das sind rund 50 Kilometer pro Stunde, so schnell wie ein Auto in der Stadt (Blanco & Mazzetta 2001).
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Das Modell passt nach Angabe der Autoren besser für den Vergleich zwischen Arten als für absolute Werte. Bei Strauß und Mensch rechnet es mit 18 und 9 Metern pro Sekunde, gemessen sind 16 und 8. Außerdem zeigt die Studie nur, was möglich war. Wie oft Giganotosaurus wirklich rannte, sagt sie nicht.
Zum kräftigen Bau passt ein Fund von Pintore et al. (2024). Der Oberschenkel von Giganotosaurus und Tyrannotitan gehört zu den kräftigsten unter den Riesen-Raubdinosauriern. Der von Carnotaurus ist der schlankste.
War der Biss von Giganotosaurus schwächer als der von T. rex?
Das legt eine Computersimulation nahe. Johnson-Ransom und Kollegen verglichen die Schädel vieler Raubdinosaurier. Sie rechneten alle auf dieselbe Länge und dieselbe Muskelkraft um. Der Giganotosaurus-Schädel stand dabei unter höherer Spannung als der eines ausgewachsenen Tyrannosaurus rex (Johnson-Ransom et al. 2025). Die Modelle sind allerdings flach und stark vereinfacht.
Die Autoren verweisen auf frühere Studien. Danach fehlte den Carcharodontosauriern der Schutz der Tyrannosaurier gegen Drehkräfte im Schädel. Ihre Kiefermuskeln waren relativ schwach, ihre messerartigen Zähne waren weniger biegefest.
Was stand auf dem Speiseplan?
Für Giganotosaurus selbst gibt es dazu keinen Beleg. Johnson-Ransom und Kollegen vermuten für große Carcharodontosauriden insgesamt, dass sie große Titanosaurier jagten. Das sind riesige Langhals-Dinosaurier, die dieselben Lebensräume teilten (Johnson-Ransom et al. 2025).
Andere sahen das anders. Reolid und Kollegen nennen zwei Positionen. Paul vermutet große Sauropoden. Therrien und Kollegen sahen ihn als Generalisten, der auch kleinere Beute jagte, darunter Ornithopoden (eine Gruppe pflanzenfressender Dinosaurier) und junge Sauropoden. Beides bleibt eine Vermutung.
In seiner Umgebung lebten mittelgroße Sauropoden von etwa 13 Metern Länge. Der Riese Argentinosaurus stammt aus jüngeren Schichten (Coria & Salgado 1995).
Warm- oder Kaltblüter?
Aus den Knochen lässt sich herauslesen, bei welcher Temperatur sie wuchsen. Barrick und Showers untersuchten 82 Proben aus 13 Knochen eines Giganotosaurus. Die Wirbel waren am wärmsten. Die Rippen waren 2,5 bis 3 Grad kühler, das Schienbein 4 bis 5 Grad. Der Rumpf blieb also warm und stabil, die Beine kühlten nach außen ab.
Die Forscher deuten das so: Der Stoffwechsel lag zwischen dem heutiger Reptilien und Säugetiere. Das Klima in Patagonien war nach ihrer Ansicht gemäßigt. Für ein Tier von 8 Tonnen errechnen sie einen Bedarf von etwa 20 Kilogramm Fleisch am Tag. Das ist eine Modellrechnung. Die Deutung ist außerdem umstritten, es ist nur ein Tier untersucht, und die Arbeit stammt von 1999.
Wer waren seine nächsten Verwandten?
Giganotosaurus gehört zu den Carcharodontosauridae. Den Namen trägt die Familie nach Carcharodontosaurus aus Nordafrika. Der Bau der Hirnkapsel verbindet beide Gattungen (Coria & Currie 2002). Coria und Currie fassen Giganotosaurus und Mapusaurus außerdem in einer eigenen Unterfamilie zusammen (Coria & Currie 2006).
Mapusaurus lebte in Argentinien in der Huincul-Formation, die über der Candeleros-Formation liegt. Die beiden bekannten Giganotosaurus-Fundstellen liegen jeweils rund 50 Kilometer von Mapusaurus‘ Fundstelle entfernt. Bei Mapusaurus fanden sich mindestens sieben Tiere an einem Ort. Für Giganotosaurus gibt es keinen Hinweis auf Gruppenverhalten.
Lange galt die Familie als Bewohner des Südkontinents Gondwana. Mit Shaochilong aus China fanden Forschende 2009 den ersten eindeutigen asiatischen Vertreter (Brusatte et al. 2009). Acrocanthosaurus aus Nordamerika rechnen manche ebenfalls dazu. Das ist umstritten.
In Nordafrika lebten gleich vier Arten der Familie. Dort teilten sie sich den Lebensraum mit anderen Riesenräubern (Candeiro et al. 2018).
Warum wurde er so groß?
Die Erstbeschreibung macht eine knappe Beobachtung: Die enorme Größe von Tyrannosaurus und Giganotosaurus entstand unabhängig voneinander. Das könnte an ähnlichen Umweltbedingungen liegen, vermuten die Autoren (Coria & Salgado 1995). Belege nennen sie dafür nicht.
Ein noch nicht begutachteter Übersichtsartikel vermutet, dass viel CO₂, reichlich Pflanzen und große Beutetiere das Wachstum der Räuber förderten. Der Autor räumt selbst ein, dass vieles auf Annahmen beruht (Hu 2024). Sicher ist das nicht.
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Wer den berühmtesten Riesenräuber kennenlernen will, findet ihn im Artikel zu Tyrannosaurus rex. Die südamerikanischen Verwandten stehen in den Artikeln zu Mapusaurus und Tyrannotitan. Carnotaurus lebte ebenfalls in Südamerika und hatte den schlankesten Oberschenkel unter den Riesen-Räubern. Auch der nordamerikanische Acrocanthosaurus lohnt einen Blick.
Bildquellen:
Größenvergleich zum Menschen: Matt Martyniuk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons


