Carnotaurus: Der Dinosaurier mit den Stierhörnern
Ein Fleischfresser mit zwei Hörnern über den Augen. Das gab es nur einmal in der Erdgeschichte. Carnotaurus sastrei lebte vor rund 69 bis 64 Millionen Jahren in Patagonien. Gefunden wurde nur ein einziges Skelett – dafür aber ein sehr vollständiges, mit fossiler Haut.

Auf einen Blick
| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Länge | ca. 7,5–8 m |
| Gewicht | ca. 1,3–2,1 t |
| Fundort | La-Colonia-Formation, Chubut, Patagonien (Argentinien) |
| Zeitalter | Oberkreide, ca. 69–64 Mio. Jahre |
| Nahrung | Fleischfresser |
| Besonderheit | einziger bekannter Fleischfresser mit einem Paar Stirnhörner |
Mit 7,5 bis 8 Metern Länge war Carnotaurus fast so lang wie ein Linienbus. Ältere Schätzungen gingen von bis zu 9 Metern aus. Eine neue Studie (Grillo & Delcourt, 2017) korrigierte den Wert nach unten. Beim Gewicht bleibt es bei 1,3 bis 2,1 Tonnen (Mazzetta, Christiansen & Fariña, 2004) – so viel wie ein ausgewachsenes Nilpferd. Ein Schwergewicht war er trotzdem nicht: Tyrannosaurus Rex brachte das Drei- bis Fünffache auf die Waage.
Ein Fund für die Ewigkeit
1984 fand der Paläontologe José Bonaparte das Skelett auf einer Farm in der Provinz Chubut, Argentinien. Es steckte in einem extrem harten Gesteinsblock. Die Präparation dauerte Jahre. 1985 beschrieb Bonaparte Gattung und Art zum ersten Mal, 1990 folgte die ausführliche Studie.
Der Name erklärt sich fast von selbst: Carnotaurus heißt „fleischfressender Stier“ – eine Anspielung auf die beiden Hörner. Bis heute ist es das einzige bekannte Skelett dieser Art.

Wozu dienten die Stirnhörner?
Kein anderer fleischfressender Dinosaurier trug Hörner wie Carnotaurus. Die beiden Zapfen wuchsen schräg über den Augen aus dem Schädel und wurden etwa 15 Zentimeter lang. Wozu genau, ist bis heute umstritten.
Eine Studie von Mariana Cerroni und Kollegen (2020) vermutet: Die Hörner dienten eher als optisches Zeichen, nicht als Waffe. Andere Forscher rechnen vor, dass Nacken und Schädel durchaus einen Kopfstoß abfedern konnten – ähnlich wie beim Breitmaulnashorn. Als Waffe gegen Beute gelten die Hörner dagegen als unwahrscheinlich. Dafür gibt es im Tierreich kein Vorbild.

Kürzere Arme als der T-Rex
Die Arme von Carnotaurus waren winzig – noch kürzer als die des T-Rex. Im Verhältnis zur Körpergröße sind sie sogar stärker verkümmert als bei jedem bekannten Tyrannosauriden (Ruiz, Torices, Serrano & López, 2011). Der Unterarm maß nur ein Viertel der Länge des Oberarms.
Die Hand trug vier Finger. Der auffälligste: ein langer, kegelförmiger Mittelhandknochen. Er war bei einem der beiden Exemplare sogar direkt mit der Elle verwachsen – eine unter Fleischfressern einzigartige Konstruktion. Ganz ohne Krallen war die Hand trotzdem wohl nicht: An einem Finger fand sich ein kegelförmiges Endglied. Forschende deuten es vorsichtig als Kralle.
Eine Studie von Phil Senter (2009) fand heraus: Die Nerven in den Armen waren fast so stark verkümmert wie in den Stummelflügeln von Emus und Kiwis. Ein starkes Indiz: Zum Greifen waren die Arme wohl kaum noch zu gebrauchen.
Die Haut, die ein altes Bild korrigierte
Von Carnotaurus stammen die ersten großen Hautabdrücke eines Fleischfressers überhaupt. Die Haut bestand aus kleinen Schuppen. Dazwischen saßen größere, kegelförmige Höcker. Federn? Fehlanzeige.
Lange zeigten Zeichnungen diese Höcker in ordentlichen Reihen. Eine neue Studie von Christophe Hendrickx und Phil Bell (2021) widerlegt das: Die Höcker saßen völlig ungeordnet verteilt, ohne Muster. Die Forscher vermuten einen einfachen Grund: Sie halfen, überschüssige Wärme loszuwerden. Ein aktiver Jäger von über einer Tonne heizt beim Rennen schnell auf.

Wie schnell rannte er wirklich?
Der Schwanz von Carnotaurus trug einen riesigen Muskel – den wichtigsten Antrieb beim Laufen. Eine Studie von Scott Persons und Philip Currie (2011) schätzt sein Gewicht auf 111 bis 137 Kilogramm pro Hinterbein. Bezogen auf die Körpergröße ist das ein Rekordwert. Kein anderer bisher untersuchter Theropode hatte einen relativ größeren Schwanzmuskel.
Eine genaue Geschwindigkeit in km/h nennt die Studie an keiner Stelle. Sie spricht nur vom Potenzial für kurze Sprints. Im Fazit gehen die Autoren noch weiter: Carnotaurus sei vielleicht sogar der schnellste unter den großen Theropoden gewesen – aber ohne Zahl dazu. Die bekannte Angabe von 48 bis 56 km/h stammt woanders her: aus einem Interview des Erstautors mit dem Sender CBC. Das war eine spontane Einschätzung, kein Messergebnis. Wendig war Carnotaurus dabei kaum: Derselbe steife Schwanz, der den Antrieb lieferte, erschwerte enge Kurven.
Schneller Biss oder tödlicher Hieb?
Wie Carnotaurus jagte, ist ebenfalls umstritten. Eine Gruppe um Gerardo Mazzetta berechnete eine schnelle, aber vergleichsweise schwache Bisskraft: rund 3.300 bis 3.400 Newton am vorderen Kiefer. Das ist nur ein Zehntel dessen, was für den T-Rex ermittelt wurde. Das passt eher zu kleiner, flinker Beute.
François Therrien und Kollegen kommen 2005 zu einem anderen Schluss. Der Kiefer glich eher dem eines Komodowarans. Er war gebaut für tiefe Schnittwunden an großer Beute.
Eine neue 3D-Analyse von Rowe, Cerroni und Rayfield (Scientific Reports, 2026) bringt einen weiteren Dreh in die Debatte. Der Schädel ist unter Bisslast gar nicht so stabil, wie zuletzt gedacht. Trotzdem ziehen die Forscher ein klares Fazit: Große Abelisauriden im Süden spielten dieselbe Rolle wie die Tyrannosauriden im Norden. Nur jagten sie anders – schnappend und reißend statt knochenzermalmend. Eine einheitliche Antwort gibt es bis heute nicht.
Rex: Wer war größer, wer gefährlicher?
Bei aller Wildheit war Carnotaurus kein Rivale für den berühmtesten aller Fleischfresser. Der Tyrannosaurus Rex maß mit rund 12 Metern deutlich mehr Länge. Beim Gewicht brachte er mit 8 bis 9 Tonnen etwa das Drei- bis Fünffache auf die Waage. Wer größer war, stand also nie ernsthaft infrage.
Auch bei der Bisskraft lag der T-Rex uneinholbar vorn: Schätzungen setzen sie zwischen 30.000 und 60.000 Newton an. Carnotaurus kam am vorderen Kiefer nur auf rund 3.300 bis 3.400 Newton – nicht einmal ein Zehntel davon. Dafür war Carnotaurus in einer Disziplin womöglich vorn: dem Sprint. Seine für die Körpergröße außergewöhnlich kräftige Schwanzmuskulatur deutet auf beachtliches Tempo hin. Beim T-Rex ist das in dieser Form nicht belegt.
Nachbarn in Patagonien
Carnotaurus lebte an einer Küste mit Flussmündungen und Wattflächen. Nachbarn waren Schildkröten, Plesiosaurier, Krokodile und der Titanosaurier Titanomachya gimenezi – wohl seine Beute.
2024 beschrieben Diego Pol und Kollegen einen zweiten, kleineren Verwandten aus derselben Formation: Koleken inakayali. Beide Räuber lebten offenbar nebeneinander, aber in unterschiedlichen Rollen. Carnotaurus war der größere Jäger, Koleken der kleinere – ein bisschen wie Löwe und Leopard in der heutigen Savanne. Verwandte wie Aucasaurus, Majungasaurus und Niebla bilden zusammen mit Carnotaurus eine engere Verwandtschaftsgruppe.
Vom Kinofilm zum Streaming-Star
In Disneys „Dinosaurier“ (2000) jagen zwei viel zu große Carnotaurier die Heldenherde. In der Serie „Prehistoric Planet“ (2022) tanzt ein Männchen dagegen um eine Partnerin. Seine bunten Arme sind dabei reine Fantasie – das bestätigte Berater Darren Naish gegenüber IFLScience. In „Jurassic World: Camp Cretaceous“ (ab 2020) hat ein Carnotaurus sogar einen eigenen Namen: „Toro“, spanisch für „Stier“. Er ist einer der Hauptgegenspieler der ersten Staffel.
Auch als Sammelfigur ist Carnotaurus längst angekommen. Schleich hat ihn im Sortiment. LEGO brachte zwei offizielle Sets heraus: „Carnotaurus Gyrosphere Escape“ (2018) und „Carnotaurus Dinosaur Chase“ (2021). In ARK: Survival Evolved lässt er sich sogar zähmen und reiten. In Jurassic World Evolution ist er ein beliebter spielbarer Fleischfresser – dort aber mit rund 10 Metern Länge größer, als es der Fund hergibt.
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- Tyrannosaurus Rex – der bekannteste Vergleichsmaßstab: deutlich schwerer und bissstärker, aber vermutlich der langsamere Läufer.
- Gnathovorax – ein rund 165 Millionen Jahre älterer Fleischfresser aus Südamerika, aus einer völlig anderen, viel ursprünglicheren Dinosauriergruppe.
Bildquellen:
Größenvergleich zum Menschen: Gabriel Solo, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Carnotaurus-Schädel: AStrangerintheAlps, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
