Iguanodon

Iguanodon: Der Dinosaurier, der aus drei großen Irrtümern besteht

Richard Owen brauchte 1842 nur drei Dinosaurier für einen neuen Begriff: „Dinosauria“. Iguanodon war einer davon, heute als Art Iguanodon bernissartensis bekannt. Trotzdem steckt seine Geschichte voller Verwechslungen. Ein Horn, das gar keins war. Ein Herdenfund, der keine Herde beweist. Und ein Gattungsname, der einst viel zu viele Tiere umfasste.

Iguanodon bernissartensis auf wei0em Hintergrund

Auf einen Blick

MerkmalWert
Wissenschaftlicher NameIguanodon bernissartensis
Länge9–11 m
Gewichtumstritten: 4 bis 8 Tonnen, je nach Quelle
FundortBernissart (Belgien), Wealden-Gruppe (Südengland), Nehden (Deutschland), Region Morella (Spanien)
ZeitalterUnterkreide, ca. 126–122 Mio. Jahre
NahrungPflanzenfresser
Besonderheitscharfer Daumendorn, ursprünglich als Nasenhorn fehlgedeutet

Trug Iguanodon wirklich ein Horn auf der Nase?

Im Sommer 1822 fand man bei Cuckfield in Südengland die ersten fossilen Zähne. Der Landarzt Gideon Mantell schickte Abgüsse an mehrere Forscher. Die meisten Antworten blieben unergiebig. Nur der berühmte Anatom Georges Cuvier antwortete: Solche Zähne kenne er nicht. Aber ihr Bau spreche für ein neues, pflanzenfressendes Reptil. Mantell verglich die Fossilien danach mit dem Gebiss eines lebenden Leguans. Er fand eine verblüffende Übereinstimmung. Den Namen „Iguanodon“ – „Leguanzahn“ – wählte er 1825 auf Vorschlag von William Conybeare.

Mantell besaß nur einzelne Zähne und Knochensplitter. Die Körpergröße konnte er nur grob schätzen. Er übertrug dafür das Größenverhältnis eines Leguans auf den viel größeren fossilen Zahn. So kam er auf ein Tier von über 18 Metern Länge, fast doppelt so lang wie ein Bus. Aus dem wenigen Material baute er zudem einen spitzen Knochen falsch ein: als Horn auf der Nase. Richard Owen übernahm diesen Irrtum für die berühmten Skulpturen im Londoner Crystal Palace von 1853. Am 31. Dezember desselben Jahres aßen Forscher sogar zu Abend – im Bauch einer noch unfertigen Iguanodon-Form. Bis heute gilt das als eine der schrägsten Anekdoten der Paläontologie.

Erst der Massenfund von Bernissart 1878 klärte beide Irrtümer auf. Der Nasenhorn-Knochen war in Wahrheit der Daumendorn, nur am falschen Platz im Skelett. Und die echte Länge lag bei nur 9 bis 11 Metern statt der einst geschätzten 18.

Der Daumendorn: Waffe oder Werkzeug?

Statt eines Daumens trug Iguanodon einen langen, spitzen Knochendorn. Über seinen Zweck streiten Forscher bis heute. Der Paläontologe Andrew Farke prüfte 2011 in einer Studie im Journal of Zoology mehrere Ideen. Sein Urteil: Eine Kampffunktion ist „recht plausibel“ – etwa als Waffe gegen Feinde oder im Streit mit Artgenossen. Auch ein Einsatz bei der Nahrungssuche ist denkbar, etwa beim Aufbrechen von Samen. Bewiesen ist bis heute keine der beiden Ideen.

Nah verwandt ist Iguanodon mit Camptosaurus. Beide gehören zur selben Gruppe, den Ankylopollexia. Camptosaurus trug aber einen viel stumpferen Daumensporn, aus zwei Gliedern statt eines scharfen Dorns.

Eine Iguanodon-Hand. Gute Darstellung des Daumendorns

Vierbeiner oder Zweibeiner – Iguanodon konnte offenbar beides

Iguanodon war kein reiner Vierbeiner, aber auch kein reiner Zweibeiner. Die Hinterbeine waren kräftig und deutlich länger als die Arme. Trotzdem konnte sich das Tier vermutlich auch auf allen vieren bewegen – ähnlich wie ein Gorilla, der ebenfalls zwischen aufrechtem Gang und Knöchelgang wechselt.

Frühe Modelle aus dem 19. Jahrhundert zeigten Iguanodon dagegen aufrecht wie ein Känguru, mit dem Schwanz als drittem Bein am Boden. Das gilt heute als überholt.

Auch die Hand war praktisch ein Multiwerkzeug. Drei mittlere Finger waren zu einer Art Huf verwachsen und trugen beim Vierbeiner-Gang das Gewicht. Der fünfte Finger blieb vermutlich beweglich genug zum Greifen. Im Maul saß vorn ein zahnloser Hornschnabel, dahinter folgten breite, blattförmige Backenzähne. Beim Zubeißen drehten sich die Oberkiefer leicht nach außen und mahlten so die Pflanzenkost, statt sie nur zu zerschneiden.

Wie viele Arten stecken eigentlich in „Iguanodon“?

Über 150 Jahre lang war „Iguanodon“ ein Sammelbecken. Fast jeder große Fund verwandter Pflanzenfresser aus der Unterkreide Europas landete darin. Das änderte sich 2008 grundlegend. Der Paläontologe Gregory S. Paul holte eine schlankere Art aus der Gattung heraus. Sie bekam einen neuen Namen: Mantellisaurus. Weitere Forscher folgten mit Barilium und Hypselospinus. Eine Stammbaum-Studie von Andrew McDonald aus dem Jahr 2012 bestätigt die enge Verwandtschaft dieser drei Gattungen mit Iguanodon bernissartensis.

Übrig bleibt im Kern nur eine sicher gültige Art: Iguanodon bernissartensis. Eine zweite bleibt umstritten: Iguanodon galvensis aus dem spanischen Galve. Neuere Arbeiten bezweifeln, ob sie überhaupt zur Gattung Iguanodon gehört. I. bernissartensis selbst ist auch aus einem anderen Teil Spaniens gut belegt. Bei Morella im Osten des Landes kamen seit den 1980er-Jahren mehrere Teilskelette zutage. Zuletzt kam 2022 ein neuer Fund aus Rücken- und Schwanzwirbeln dazu.

Kurios dabei: Die Fossilien, die dem Namen „Iguanodon“ 1825 seinen Anfang gaben, tragen ihn heute nicht mehr offiziell. Im Jahr 2000 legten Fachleute stattdessen Iguanodon bernissartensis als Typusart fest. Diese Art wurde aber erst 1878 entdeckt – über 50 Jahre nach Mantells erster Beschreibung.

Iguanodon bernissartensis | ©urzeittiere.net
Iguanodon bernissartensis | ©urzeittiere.net

Lebte Iguanodon in Herden?

Nein – jedenfalls nicht nachweisbar. Für Iguanodon bernissartensis sind bis heute weder Eier noch Nester bekannt. Und auch der Massenfund von Bernissart beweist kein gemeinsames Herdensterben.

Einen ganz ähnlichen Fall gibt es bei einem kleineren Zeitgenossen aus derselben Wealden-Zeit: Auch bei Hypsilophodon auf der Isle of Wight hielt sich lange die Theorie eines gemeinsamen Herdentods – bis eine Studie von 2024 zeigte, dass die Tiere wahrscheinlich einzeln, über längere Zeit gestorben sind.

Eine Studie von Baele, Godefroit und Team aus dem Jahr 2012 zeigt: Die über 30 Skelette liegen in mehreren, klar getrennten Schichten. Die Forscher deuten das als wiederholtes Massensterben. Vermutlich ertranken die Tiere immer wieder – in einer Sinkloch-Falle, die sich je nach Jahreszeit veränderte. Kein einziges großes Ereignis also, sondern viele kleine.

Iguanodon im Größenvergleich zum Menschen.

Was fraß Iguanodon?

Ein reiner Pflanzenfresser, trotz des seltsamen Namens „Leguanzahn“. Attila Ősi und sein Team verglichen 2024 in Nature Communications die Zähne mehrerer Verwandter. Ihr Fund: Spätere Verwandte mit Entenschnabel nutzten ihre Zähne zwei- bis viermal schneller ab. Was genau auf dem Speiseplan stand, bleibt trotzdem offen. Mageninhalte von Iguanodon selbst sind nicht bekannt.

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  • Camptosaurus – naher Verwandter mit deutlich stumpferem Daumensporn, aus derselben Ankylopollexia-Gruppe.

Bildquellen:

Hand des Iguanodon; Credit to en:user:Ballista. Taken from the English wikipedia, uploaded here with the same licensing., CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Größenvergleich: Dinoguy2, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons