Camptosaurus: 60 Jahre versteckt im eigenen Museum

Ein halbes Jahrhundert lang stand ein Camptosaurus-Skelett im Carnegie Museum – zur Hälfte noch im Gestein steckend, von niemandem weiter beachtet. Erst bei einer Renovierung meißelten Präparatoren es vollständig frei und stellten fest: Das war gar keine bekannte Art, sondern eine völlig neue. Sein späterer Artname bedeutet treffend „versteckt vor aller Augen“.

Camposaurus arizonensis
Camptosaurus | ©urzeittiere.net

Steckbrief

MerkmalWert
Längeca. 5–7,5 Meter (Schätzungen schwanken je nach Fundstück und Art)
Gewichtca. 350–900 kg (Schätzungen variieren stark)
FundortMorrison-Formation, westliches Nordamerika (u. a. Wyoming, Colorado, Utah); vereinzelte, teils umstrittene Funde in Europa
ZeitalterSpäte Jurazeit, vor rund 155–145 Millionen Jahren
NahrungPflanzenfresser

Camptosaurus gehört zu den Ornithopoden innerhalb der Vogelbeckensaurier (Ornithischia) und dort zur Gruppe Ankylopollexia – derselben Klade, aus der später auch der bekanntere Iguanodon hervorging. Mit 5 bis 7,5 Metern Länge war er, je nach Schätzung, etwa doppelt so lang wie ein Kleinwagen; sein Gewicht entsprach ungefähr dem eines ausgewachsenen Rinds.

Mal auf zwei, mal auf vier Beinen

Lange galt Camptosaurus als reiner Vierbeiner. Heute zeichnen Forschende ein flexibleres Bild: Das Tier bewegte sich meist auf allen vieren fort, konnte sich aber aufrichten, um höhere Blätter zu erreichen, und lief bei Gefahr vermutlich zweibeinig. Ein vollständiger Galopp auf vier Beinen war dagegen wohl nicht möglich – dafür waren seine Schultern zu wenig beweglich.

Möglich machte diesen Wechsel eine Besonderheit im Skelett: Die Wirbel seines Kreuzbeins waren nicht vollständig miteinander verwachsen. Genau darauf spielt sein Name an, der aus dem Griechischen stammt und „gebogene“ oder „flexible Echse“ bedeutet.

Eine Herde von Camptosaurus-Dinosauriern besucht im Jura einen Teich, um dort zu fressen und zu trinken.
©urzeittiere.net

Ein Schnabel für die besten Bissen

Sein Kopf war klein und lief in einen zahnlosen Schnabel aus, der oben eine umgekehrte Y-Form zeigte. Damit zupfte Camptosaurus gezielt Farne, Zykadeen und kleine Nadelgewächse. Zwei Reihen ständig nachwachsender Backenzähne zermahlten die zähe Vegetation weiter.

Die schmale Schnauze spricht für eine wählerische Ernährung, konzentriert auf die nährstoffreichsten Pflanzenteile. Die Abnutzungsspuren an den Zähnen erzählen allerdings eine ergänzende Geschichte: Sie zeigen, dass zumindest ein Teil der Nahrung ziemlich hart und zäh war.

Verwandt mit Iguanodon – aber ohne Dolch

Camptosaurus und der deutlich größere Iguanodon zählen zur selben Verwandtschaftsgruppe, den Ankylopollexia. Trotzdem trugen beide sehr unterschiedliche Daumen: Iguanodon besaß einen scharfen, kegelförmigen Daumensporn, der wohl auch als Waffe taugte. Der Daumensporn von Camptosaurus war dagegen aus zwei Knochengliedern aufgebaut und deutlich weniger spitz – er diente vermutlich eher der Nahrungsverarbeitung als der Verteidigung.

Schädel eines Camptosuarus

Vom Insekt zum Dinosaurier: eine verkorkste Namensgeschichte

Als der amerikanische Paläontologe Othniel Charles Marsh das Tier 1879 erstmals beschrieb, nannte er es „Camptonotus“. Der Name war allerdings schon vergeben – und zwar an eine Grillenart. 1885 taufte Marsh seinen Fund deshalb um in Camptosaurus, den Namen, der bis heute gilt. Entdeckt hatte das Fossil zuvor der Sammler William Harlow Reed, am 4. September 1879 in der Nähe von Como Bluff, Wyoming.

Versteckt vor aller Augen

1922 fanden Grabungsteams ein weiteres Skelett, das über sechs Jahrzehnte lang nur teilweise aus dem umgebenden Gestein präpariert im Carnegie Museum stand. Erst Renovierungsarbeiten 2005 und 2006 legten es vollständig frei. Die Überraschung: Es gehörte zu keiner bekannten Art. 2008 beschrieben Fachleute es als eigene Art, Camptosaurus aphanoecetes – wörtlich „vor aller Augen versteckt“.

Wie viele Arten am Ende tatsächlich zur Gattung Camptosaurus gehören, ist unter Forschenden bis heute nicht abschließend geklärt. Einige früher benannte Arten stellten sich später als Wachstumsstadien derselben Art heraus, andere wurden ganz aus der Gattung entfernt und eigenen Gattungen zugeordnet – ein Grund, warum Größen- und Gewichtsangaben zu Camptosaurus in der Literatur so stark schwanken.

Maßstab des Camptosaurus dispar
Maßstab des Camptosaurus

Nachbarn im Jura-Sumpfland

Camptosaurus lebte rund 80 Millionen Jahre vor Tyrannosaurus Rex, Triceratops und Acheroraptor – in einer ganz anderen Welt aus subtropischen, saisonal trockenen Ebenen. Seine Nachbarn waren Giganten wie der Sauropode Brachiosaurus, der gepanzerte Stegosaurus und der Fleischfresser Allosaurus, der ihm durchaus gefährlich werden konnte.

Fossilien aus Knochenbetten deuten darauf hin, dass Camptosaurus nicht allein unterwegs war, sondern zumindest zeitweise in Gruppen lebte. Belegt ist das nicht zweifelsfrei, aber die Häufung der Funde macht ein gewisses Herdenverhalten plausibel.

Siehe auch

  • Tyrannosaurus Rex – lebte rund 80 Millionen Jahre später, ebenfalls in Nordamerika, aber in einer völlig anderen Kreidezeit-Landschaft.
  • Triceratops – wie Camptosaurus ein Pflanzenfresser, allerdings aus der viel jüngeren Hell-Creek-Formation.
  • Acheroraptor – Fleischfresser aus derselben späten Kreidezeit wie T-Rex und Triceratops, ebenfalls deutlich jünger als Camptosaurus.
  • Iguanodon– Iguanodon und Camptosaurus zählen zur selben Verwandtschaftsgruppe, den Ankylopollexia.

Bildquellen:

Schädel: Anky-man at English Wikipedia(Original text: Anky-man), Public domain, via Wikimedia Commons

Größenvergleich: User:Slate Weasel, Public domain, via Wikimedia Commons