Deinocheirus: Der Dinosaurier, der 50 Jahre nur aus Armen bestand

Ein Dinosaurier, elf Meter lang. Doch fast fünf Jahrzehnte kannte man von ihm nur ein Paar riesiger Arme. Kein Gesicht, keine Beine, kein Körper. Erst 2014 kam heraus, was wirklich dahintersteckte: der mit Abstand größte bekannte Vertreter der „Straußendinosaurier“.

Deinocheirus im Seitenprofil

Auf einen Blick

MerkmalWert
Längeca. 11 m
Gewichtca. 6,4 t (Bandbreite anderer Schätzungen: 5–7,3 t)
FundortNemegt-Formation, Wüste Gobi, Mongolei
ZeitalterOberkreide, frühes Maastrichtium, ca. 70 Mio. Jahre
NahrungAllesfresser
Besonderheitgrößter bekannter Ornithomimosaurier, 2,4 m lange Arme

Mit elf Metern war er etwa so lang wie ein Linienbus. Sein Gewicht von rund 6,4 Tonnen entsprach etwa einem großen Elefantenbullen. Seine Arme maßen 2,4 Meter. Das ist mehr, als die meisten Basketballkörbe über dem Boden hängen. Die Krallen daran waren rund 20 Zentimeter lang: ungefähr so lang wie eine Banane.

Warum blieb Deinocheirus fast 50 Jahre lang ein Rätsel?

Am 9. Juli 1965 stieß die polnische Paläontologin Zofia Kielan-Jaworowska im Rahmen der polnisch-mongolischen Expeditionen an der Fundstelle Altan Uul III in der Gobi-Wüste auf ein Paar 2,4 Meter lange Arme, dazu Schultergürtel, einzelne Rückenwirbel und Rippen. Schädel, Beine und Rumpf fehlten komplett. 1970 gaben Halszka Osmólska und Ewa Roniewicz dem Fund trotzdem einen Namen: Deinocheirus mirificus, die „ungewöhnliche schreckliche Hand“.

Ohne Körper blieb viel Raum für wilde Ideen. War es ein Raubtier, größer als Tyrannosaurus? Ein Verwandter der klauenbewehrten Therizinosaurier? Oder ein kletterndes, faultierähnliches Wesen? Schon 1971 vermutete John Ostrom eine andere Lösung: eine Nähe zu den Straußendinosauriern. Beweisen konnte er es nicht, es fehlte das Material. So blieb der Fund fast fünf Jahrzehnte eines der großen ungelösten Rätsel der Paläontologie.

Was hat ein Fossilienraub mit der Lösung zu tun?

Die Antwort kam erst mit zwei weiteren Skeletten. 2006 fand die Korea-Mongolia International Dinosaur Expedition an der Fundstelle Altan Uul IV ein rund 74 Prozent großes Jungtier (MPC-D 100/128). 2009 folgte in Bugiin Tsav das bislang größte bekannte Exemplar (MPC-D 100/127) – sechs Prozent größer als der ursprüngliche Holotyp.

Beide Skelette waren schon vor der wissenschaftlichen Bergung geplündert worden: Dem größten Exemplar fehlten Schädel, Hände und Füße. Diese Teile tauchten 2011 in einer europäischen Privatsammlung wieder auf. Der französische Fossilienhändler François Escuillié erwarb sie und übergab sie dem Königlich Belgischen Institut für Naturwissenschaften.

Erst mit dem vollständigen Material konnte ein Team um Yuong-Nam Lee 2014 in Nature die Lösung präsentieren – begleitet von einem Kommentar des Paläontologen Thomas R. Holtz unter dem Titel „Mystery of the horrible hands solved“.

Ein Körper wie aus mehreren Tieren zusammengesetzt

Der einzige bekannte Schädel ist gut einen Meter lang. Hinter den Augen misst er aber nur 23 Zentimeter. Er trägt einen zahnlosen, breiten Schnabel wie eine Ente – nach unten gebogen, ähnlich wie bei einem Hadrosaurier. Am Kiefer setzten die Muskeln nur klein an. Deinocheirus biss also wohl eher schwach zu.

Über dem Rücken erhebt sich ein Segel. Die Dornfortsätze der hinteren Wirbel werden nach hinten immer länger. Beim höchsten Wirbel sind sie 8,5-mal so hoch wie der Wirbel selbst. Nur bei Therizinosaurus und beim bekannteren Spinosaurus gibt es ein ähnlich extremes Verhältnis. Am Schwanzende sitzt ein Pygostyl – ein verwachsener Rest der letzten Schwanzwirbel, wie er sonst nur von Vögeln bekannt ist –, dazu ein U-förmiges Gabelbein, in der Fachsprache Furcula genannt. Beides zeigt: Die Verwandtschaft zu den Vögeln war eng.

Innerhalb der Straußendinosaurier bildet Deinocheirus zusammen mit dem deutlich kleineren Garudimimus und der bislang nur aus der Fachliteratur bekannten Gattung Beishanlong die Familie Deinocheiridae.

Die Arme bleiben trotzdem das Markenzeichen. 2,4 Meter lang, mit drei fast gleich langen Fingern. Nur Therizinosaurus hatte ähnlich lange Arme – länger hatte kein anderer zweibeiniger Dinosaurier. Zum Greifen taugten die Hände aber kaum. Wahrscheinlicher dienten sie zum Graben und zum Heranziehen von Pflanzen am Ufer.

Was stand auf dem Speiseplan?

Im Magenbereich des größten Skeletts fanden Forschende über 1.400 Gastrolithen. Das sind Steine, die beim Zerkleinern der Nahrung halfen. Dazu kamen Fischwirbel und -schuppen. Das spricht für einen Allesfresser: Wasserpflanzen und Fisch standen wohl beide auf dem Speiseplan. Ähnlich wie bei heutigen Enten oder Flamingos – nur in gigantischem Maßstab.

Die Nemegt-Formation, in der Deinocheirus lebte, war deutlich feuchter als die älteren Wüstenschichten der Gobi. Flusskanäle, Schlammflächen, flache Seen – oft verglichen mit dem heutigen Okavango-Delta in Botswana. Sicher war er dort trotzdem nicht. Bissspuren an seinen Rippen werden dem Großräuber Tarbosaurus zugeschrieben. Selbst ein sechs Tonnen schwerer Riese blieb also nicht ganz verschont.

Warum wog er zehnmal so viel wie seine nächsten Verwandten?

Deinocheirus gehört zu einer kleinen Familie namens Deinocheiridae. Dazu zählen nur zwei weitere, deutlich kleinere Gattungen: Garudimimus und Beishanlong. Die Schwestergruppe sind die schlanken, schnell laufenden Ornithomimidae. Der Größenunterschied ist gewaltig. Gallimimus, der größte „klassische“ Vertreter dieser Gruppe aus derselben Formation, wog je nach Rechnung nur 285 bis 640 Kilogramm. Deinocheirus brachte mit 6,4 Tonnen mindestens das Zehnfache auf die Waage.

Eine 2022 als Preprint veröffentlichte, noch nicht abschließend begutachtete Studie von Chinzorig, Cullen, Phillips, Rolke und Zanno beschreibt Fußknochen eines Ornithomimosauriers aus der Eutaw-Formation in Mississippi (USA). Ihre Größe passt eher zu Deinocheirus als zu anderen bekannten Arten aus Nordamerika. Bestätigt sich das noch, gab es solche Riesen unter den Straußendinosauriern womöglich nicht nur in der Mongolei.

Vom Museumsstück zum Streaming-Star

In der Apple-TV+-Dokumentation „Prehistoric Planet“ (Staffel 1, Folge 3, „Freshwater“) watet ein gefiederter Deinocheirus durch ein asiatisches Feuchtgebiet. Im Spiel „Jurassic World Evolution“ gehört er zu den spielbaren Dinosauriern. In „ARK: Survival Evolved“ fehlt er dagegen offiziell. Dort gibt es ihn nur über einen beliebten Fan-Mod, „ARK Additions“ – Spitzname in der Community: „Duck King“.

Mehr zum Thema auf urzeittiere.net

  • Therizinosaurus – der einzige andere Dinosaurier mit ähnlich langen Armen und Krallen, allerdings aus einer ganz anderen Gruppe von Fleischfressern.
  • Tyrannosaurus Rex – zum Vergleich der bekannteste Räuber der späten Kreidezeit: viel kleinere Arme, aber der stärkere Biss.

Deinocheirus im Groessenvergleich zum Menschen
Deinocheirus_Groessenvergleich

Bildquellen: FunkMonk (Michael B. H.), CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Größenvergleich: Conty, CC BY 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by/3.0, via Wikimedia Commons

Schädel: Derdadort, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Deinocheirus Arme: Eduard Solà, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons