Europasaurus
Europasaurus der Zwergsauropode
Europasaurus war ein Dinosaurier, der eigentlich gar nicht hätte klein sein dürfen. Er gehörte zu den Sauropoden – jener Gruppe langhalsiger Pflanzenfresser, zu der die größten Landtiere der Erdgeschichte zählen. Doch mit nur rund sechs Metern Länge war er kaum größer als ein Elefant. Der Grund: Er lebte vor 154 Millionen Jahren auf einer Insel mit knappen Ressourcen – und wurde dort zum Zwerg.
Kurz zusammengefasst: Europasaurus holgeri war ein etwa sechs Meter langer Zwergsauropode, der im Oberjura auf einer Insel im heutigen Niedersachsen lebte. Seine geringe Größe gilt als klassisches Beispiel für Inselverzwergung.
Europasaurus Steckbrief: Größe, Gewicht und Alter im Überblick
Die folgenden Werte fassen den aktuellen Forschungsstand zusammen. Weil einzelne Fundstücke unterschiedlich groß waren, gelten die Maße als Durchschnitts- und Maximalwerte für ausgewachsene Tiere.
| Epoche | Oberjura, mittleres Kimmeridgium – vor ca. 154 Millionen Jahren |
|---|---|
| Ordnung | Echsenbeckensaurier (Saurischia) |
| Unterordnung | Sauropoda |
| Familie / Gruppe | Macronaria (taxonomische Nähe zu Brachiosauridae wird diskutiert) |
| Art | Europasaurus holgeri |
| Länge | ca. 6 m, bei den größten bekannten Exemplaren bis zu 8 m |
| Höhe | ca. 2–3 m |
| Gewicht | ca. 800 kg |
| Fundort | Kalksteinbruch Langenberg, zwischen Bad Harzburg und Goslar (Niedersachsen) |
| Entdeckung | 1998/99 durch Holger Lüdtke, wissenschaftlich beschrieben 2006 |
Quellen: Wikipedia: Europasaurus, Google-Wissensdatenbank.
Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Sauropode brachte es auf 15 bis 20 Meter, manche Arten sogar auf über 30 Meter. Europasaurus wirkte daneben fast wie ein Jungtier – dabei war er ausgewachsen.
Lebensraum: Eine Insel im Jurameer
Kurz beantwortet: Europasaurus lebte auf einer rund 100.000 Quadratkilometer großen, subtropischen Insel im damaligen Tethys-Meer – dort, wo heute Niedersachsen liegt.
Vor 150 Millionen Jahren sah Norddeutschland völlig anders aus als heute. Große Teile Europas lagen unter einem flachen Meer, dem Tethys-Meer. Nur einzelne Landflächen ragten als Inseln heraus. Eine davon, im Bereich des heutigen Niedersächsischen Beckens, war die Heimat von Europasaurus.
Das Klima auf der Insel war warm und feucht, aber kein tropischer Regenwald. Stattdessen prägten Wiesen, lichte Wälder und Flusslandschaften die Landschaft. Schachtelhalme bildeten die häufigste Pflanze, dazu kamen primitive Nadelbäume, Farne und einige der ersten Blütenpflanzen. Für einen bodenständigen Pflanzenfresser wie Europasaurus bot die Insel also Nahrung – nur eben deutlich weniger als das Festland.
Warum war Europasaurus so klein?
Kurz beantwortet: Die Forschung geht von Inselverzwergung aus – begrenzte Nahrung auf der Insel begünstigte über Generationen kleinere, langsamer wachsende Tiere.
Europasaurus stammt von deutlich größeren Sauropoden-Vorfahren ab, die im mittleren bis späten Jura das europäische Festland durchstreiften. Auf der Insel setzte dann ein Prozess ein, den Biologen als Inselverzwergung bezeichnen: Große Tiere brauchen viel Nahrung. Auf einer kleinen Insel mit begrenzten Ressourcen haben kleinere Individuen bessere Überlebenschancen, weil sie mit weniger Futter auskommen. Über viele Generationen setzten sich so die kleineren Tiere durch.
Bei Europasaurus lässt sich das sogar im Knochenbau nachweisen: Histologische Untersuchungen – also die Analyse von Knochengewebe unter dem Mikroskop – zeigen, dass die Tiere nicht einfach früh aufhörten zu wachsen. Sie wuchsen ihr Leben lang, aber deutlich langsamer als ihre riesigen Verwandten. Das ist auch der Grund, warum Forscher Europasaurus als eigenständige Zwergart einstufen und nicht als Jungtier einer bereits bekannten, größeren Art wie Camarasaurus.
Weitere Theorien: mehrere Populationen und Geschlechtsdimorphismus
Neben der Inselverzwergung diskutiert die Forschung noch weitere, sich nicht zwingend ausschließende Erklärungen für die auffälligen Größenunterschiede innerhalb der Funde: Manche Fachleute vermuten Geschlechtsdimorphismus – also systematische Größenunterschiede zwischen Männchen und Weibchen. Andere halten es für möglich, dass die Funde von mehreren Inselpopulationen oder sogar von zwei unterschiedlichen Arten stammen. Ein endgültiger wissenschaftlicher Konsens steht hier noch aus.
Neue Forschung: War Europasaurus ein Nestflüchter?
Kurz beantwortet: Eine Studie aus dem Jahr 2022 legt nahe, dass junge Europasaurus kurz nach dem Schlüpfen bereits selbstständig laufen konnten.
Lange galt die Inselverzwergung als einzige große Erklärung für den Körperbau von Europasaurus. Im Dezember 2022 kam eine weitere, spannende Erkenntnis hinzu: Ein Forschungsteam untersuchte per Computertomografie das Innenohr und Gehirn mehrerer Europasaurus-Schädel aus unterschiedlichen Altersstadien – vom frisch geschlüpften Jungtier bis zum erwachsenen Tier.
Das Ergebnis: Schon sehr junge Tiere besaßen einen gut entwickelten Gleichgewichtssinn. Das deutet darauf hin, dass Europasaurus ein Nestflüchter war – Jungtiere konnten sich also kurz nach dem Schlüpfen selbstständig fortbewegen und liefen vermutlich bald in der Herde mit, statt intensiv umsorgt zu werden. Diese Erkenntnis widerspricht der Inselzwerg-Theorie nicht, sondern ergänzt sie: Die enormen Größenunterschiede zwischen Jung- und Alttieren sprechen für ein schnelles Wachstum direkt nach der Geburt und gegen aufwendige elterliche Fürsorge.
Quellen: Spektrum der Wissenschaft, Dezember 2022, VBIO.
Wo wurde Europasaurus gefunden? Der Kalksteinbruch Langenberg
Kurz beantwortet: Alle bekannten Europasaurus-Fossilien stammen aus dem Kalksteinbruch Langenberg in Niedersachsen, zwischen Bad Harzburg und Goslar.
Im Jahr 1998 entdeckte der private Fossiliensammler Holger Lüdtke einen einzelnen Sauropoden-Zahn im Kalksteinbruch Langenberg. Der Steinbruch liegt zwischen den Ortsteilen Harlingerode und Göttingerode der Stadt Bad Harzburg sowie dem Ortsteil Oker der Stadt Goslar, im Landkreis Goslar. Was zunächst wie ein einzelner Zufallsfund aussah, entwickelte sich schnell zu einer der bedeutendsten Dinosaurier-Fundstellen Europas.
Ab 1999 begannen systematische Ausgrabungen in einer Fundschicht, die Fachleute seither die „Dinosaurierbank“ nennen. Bei weiteren Grabungskampagnen 2001 und 2002 kamen mehr als 20 Skelette unterschiedlichen Alters zutage – vom wenige Wochen alten Jungtier bis zum ausgewachsenen Individuum. Insgesamt gehen aktuelle Fachquellen von mindestens 21 einzelnen Tieren und rund 1.300 geborgenen Knochen aus. Einige Fossilien lagen noch im ursprünglichen Verbund (artikuliert), was den Forschern präzise Rückschlüsse auf das Aussehen der lebenden Tiere erlaubte.
Die wissenschaftliche Erstbeschreibung als eigenständige Gattung Europasaurus holgeri – benannt nach seinem Entdecker Holger Lüdtke – erfolgte 2006 in der renommierten Fachzeitschrift Nature. Damit gilt Europasaurus bis heute als einer der am besten belegten Zwergsauropoden weltweit.
Quellen: Wikipedia: Kalksteinbruch Langenberg, Wikipedia: Europasaurus.
Europasaurus im Vergleich: Wie klein war er wirklich?
Um die Größe von Europasaurus einzuordnen, hilft ein Vergleich: Während der durchschnittliche Sauropode auf 15 bis 20 Meter kam, maß Europasaurus nur etwa 6 Meter – kaum größer als ein „Littlefoot“ aus dem Animationsfilm Das Land vor der Zeit, der dort einen jungen Apatosaurus darstellt. Wer sich für die „echten“ Riesen unter den Langhalsdinosauriern interessiert, findet im Artikel zu Apatosaurus – lange Zeit auch als Brontosaurus bekannt – die passende Gegenüberstellung.
Europasaurus ist damit kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Musters: Insel-Sauropoden aus verschiedenen Erdzeitaltern zeigen ähnliche Verzwergungs-Effekte. Einen Überblick über weitere deutsche Dinosaurierfunde bietet die Übersichtsseite Dinosaurier aus Deutschland, einen vollständigen Katalog aller auf urzeittiere.net vorgestellten Arten die Dinosaurier-Datenbank.
Häufige Fragen zu Europasaurus
Bildquellen: Europasaurus ©urzeittiere.net
Größenvergleich: Slate Weasel, CC0, via Wikimedia Commons
Europasaurus holgeri Scene: Gerhard Boeggemann, CC BY-SA 2.5 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5, via Wikimedia Commons


