Gnathovorax: Der älteste fleischfressende Dinosaurier

Gnathovorax

Gnathovorax: Der älteste bekannte Fleischfresser unter den Dinosauriern

Ein Bauer fand 2014 in Südbrasilien ein Skelett. Es lag fast Knochen für Knochen zusammen im Gestein. Mit ihm kam einer der ältesten fleischfressenden Dinosaurier ans Licht, die wir kennen.

Gnathovorax cabreirai jagte schon rund 165 Millionen Jahre vor dem Tyrannosaurus Rex. Sein Revier: die Flussauen des heutigen Rio Grande do Sul in Brasilien. Damals gab es noch keine getrennten Linien von Fleisch- und Pflanzenfressern unter den Dinosauriern.

Auf einen Blick

MerkmalWert
Längeca. 2,8–3 Meter
Gewichtca. 70–100 kg (Schätzung, Quellen schwanken)
FundortMarchezan-Fundstelle, São João do Polêsine, Rio Grande do Sul (Brasilien)
ZeitalterObertrias, spätes Karnium, vor ca. 233,2 Mio. Jahren
NahrungFleischfresser, Spitzenprädator

Knapp drei Meter lang, 70 bis 100 Kilo schwer: So schwer war etwa ein großer, ausgewachsener Wolf. Unser Dino lief aber auf zwei Beinen. Sein Schädel war voller Raubtierzähne.

Sein Name bedeutet schlicht „gefräßiger Kiefer“. Er setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: griechisch gnathos (Kiefer) und lateinisch vorax (gefräßig).

Ein Löwe, lange bevor es Löwen gab

In seinem Lebensraum war Gnathovorax der König. Er spielte die Rolle, die heute ein Löwe in der Savanne spielt: die des größten und gefährlichsten Jägers weit und breit. Andere große Fleischfresser gab es dort zu seiner Zeit nicht.

Der Forscher Rodrigo Temp Müller half bei der Erstbeschreibung. Er bringt es so auf den Punkt: In seinem Ökosystem stand das Tier an genau der Stelle, die heute Löwen einnehmen.

Eine Klarstellung ist trotzdem wichtig. Gnathovorax war kein direkter Vorfahre des T-Rex. Er gehörte zu den Herrerasauriern, einer der ältesten Dinosauriergruppen überhaupt.

Aus dieser frühen Wurzel wuchsen später zwei getrennte Äste. Der eine Ast: die fleischfressenden Theropoden, zu denen auch der T-Rex zählt. Der andere Ast: die langhalsigen Pflanzenfresser.

Gnathovorax zeigt also, wie die allerersten großen Raubtiere unter den Dinosauriern aussahen. Nicht, wie ein später Vorfahre des T-Rex aussah.

Beckengürtel und Hintergliedmaßen von Gnathovorax
Beckengürtel und Hintergliedmaßen von Gnathovorax

Ein Skelett wie aus dem Bilderbuch

Der Forscher Sérgio Furtado Cabreira fand das Skelett 2014. Der Fundort: die Marchezan-Fundstelle. Ihm zu Ehren trägt der Dino seinen Artnamen: cabreirai.

Das Skelett liegt fast vollständig vor. Die meisten Knochen liegen noch im natürlichen Verbund. Nur Teile eines Vorderbeins fehlen, dazu der Schultergürtel und ein paar Rippen und Wirbel.

Damit zählt Gnathovorax zu den vollständigsten Herrerasaurier-Funden überhaupt. Das ist eine echte Seltenheit: Von dieser Dino-Gruppe kennt man sonst oft nur einzelne Knochen. Erst der gute Erhaltungszustand machte neue Erkenntnisse möglich, die bei anderen Herrerasauriern bislang fehlten.

Gnathovorax Schädel Scans
Gnathovorax Schädel Scans

Was das Gehirn verrät

Das Schädeldach blieb außergewöhnlich gut erhalten. Per CT-Scan machten Forschende einen digitalen Abguss vom Gehirn. Dabei fiel ein Bereich im Kleinhirn auf: der sogenannte Flocculus. Er war auffällig groß.

Bei heutigen Tieren steuert dieser Bereich präzise Bewegung und Gleichgewicht. Aktive Jäger haben ihn meist stärker ausgeprägt als reine Aasfresser. Das ist ein starkes Indiz: Gnathovorax jagte wirklich aktiv, statt nur Kadaver zu fressen.

Ein Kiefer mit eigener Handschrift

Gnathovorax ist eng mit dem argentinischen Herrerasaurus verwandt. Trotzdem gibt es klare Unterschiede. Im Oberkiefer saßen bei ihm drei vordere Zähne, dazu 19 weiter hinten.

Herrerasaurus hatte vorn nur vier Zähne. Über einer Schädelöffnung besitzt Gnathovorax noch eine zusätzliche Öffnung. Die kennt man bei keinem anderen Herrerasaurier.

Auch das Becken zeigt eine eigene Form. Von vorne betrachtet ist ein Beckenknochen sichelförmig gebogen. Der Hals war kurz, mit besonders geformten Wirbeln.

An der fünften Zehe zählten Forschende drei Glieder. Bei Herrerasaurus sind es andere. Diese Mischung aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden war entscheidend: Erst so ließ sich Gnathovorax als eigene Art abgrenzen.

Narben von einem Rivalen

Ein Detail an einem Schädel zeigt: Das Leben war nicht nur Jagd. Man fand verheilte Spuren von Bissen oder Kratzern. Sie deuten auf einen Kampf mit einem Artgenossen hin.

War es ein Revierkampf? Ein Streit um Beute? Ein Zusammenstoß bei der Paarung? Das verraten die Knochen allein nicht – klar ist nur: Auch unter Artgenossen ging es nicht immer friedlich zu.

Nachbarn im selben Gesteinsblock

Der Fundort zeigt ein ganzes Ökosystem auf einen Schlag. Im selben Gesteinsblock lag noch mehr: der Schädel eines Cynodonten, eines Ur-Säugetierverwandten namens Prozostrodon.

Dazu kamen die Reste zweier Rhynchosaurier. Das waren gedrungene Pflanzenfresser. Im späten Karnium zählten sie zu den häufigsten Landtieren überhaupt.

Die Gegend um São João do Polêsine ist ein Glücksfall für die Forschung. Kaum ein anderer Ort liefert so viele frühe Dinosaurier. Von hier stammen auch Staurikosaurus, Saturnalia und Buriolestes – ein Zeichen dafür, dass sich die Dinosaurier hier schon früh in mehrere Ernährungstypen aufgefächert hatten.

Mehr zum Thema auf urzeittiere.net

  • Tyrannosaurus Rex – rund 165 Millionen Jahre jüngerer Spitzenprädator. Kein direkter Nachfahre von Gnathovorax, aber mit einer ganz ähnlichen Rolle in seinem Ökosystem.
  • Acheroraptor – trotz rund 165 Millionen Jahren Abstand überraschend ähnlich groß und schwer wie Gnathovorax.

Bildquellen:

Beitragsbild: Juan(-username-), CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Beckengürtel und Hintergliedmaßen: Cristian Pacheco, Rodrigo T. Müller​, Max Langer, Flávio A. Pretto, Leonardo Kerber, Sérgio Dias da Silva, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Schädel: Cristian Pacheco, Rodrigo T. Müller​, Max Langer, Flávio A. Pretto, Leonardo Kerber, Sérgio Dias da Silva, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons