Camarasaurus

Ein Drittel aller bestimmbaren Sauropoden-Knochen aus der Morrison-Formation gehört zu einer einzigen Gattung. Ihr Name: Camarasaurus. Kein anderer Langhals-Dinosaurier der Gegend wurde im Oberjura so oft gefunden. Trotzdem kennt ihn kaum jemand. Brontosaurus und Brachiosaurus sind viel bekannter. Dabei steckt in seiner Geschichte ein wilder Namensstreit aus den Anfängen der Paläontologie.

Camarasaurus auf weissem Hintergrund

Auf einen Blick

MerkmalWert
GattungCamarasaurus
Arten3 anerkannte Arten: Camarasaurus grandis, C. lentus, C. supremus
Länge14,9–20 m, je nach Art
Gewicht11,5–30 t, je nach Art
FundortUSA: Wyoming, Colorado, Utah, New Mexico, Oklahoma; vereinzelt Montana
FormationMorrison-Formation
ZeitalterOberjura (Kimmeridgium bis Tithonium)
ErnährungPflanzenfresser
FamilieCamarasauridae

Drei Arten, ein robuster Bauplan

Camarasaurus grandis, lentus und supremus teilten denselben Bauplan. Vier stämmige Beine trugen den Körper. Die Hinterbeine waren kräftiger als die Vorderbeine. Der Schwanz blieb kurz: nur rund 53 Wirbel. Camarasaurus supremus war die größte Art. Sie wurde bis zu 20 Meter lang. Ihr Gewicht: bis zu 30 Tonnen. Das ist so schwer wie fünf Elefanten zusammen. Camarasaurus grandis blieb kleiner. Nur 14,9 Meter lang, nur 11,5 Tonnen schwer.

Auffällig war die Vorderhand. Die Mittelhandknochen bildeten eine enge Röhre. Das war bei allen großen Sauropoden so. Eine Studie aus dem Jahr 2026 fragte: Wie beweglich waren die Finger darin noch? Die Antwort: kaum. Die Finger konnten sich fast nur nach hinten biegen. Ein Einrollen nach innen war kaum möglich. Genau das schützte die eng stehenden Finger. Sie blockierten sich beim Auftreten nicht gegenseitig (Senter 2026).

Wie unterscheidet man die drei Camarasaurus-Arten?

Auf den ersten Blick sehen sich alle drei Arten ähnlich. Der Blick auf die Wirbelsäule hilft weiter. Bei Camarasaurus grandis sitzt ein Wirbelfortsatz auf einem hohen Sockel. Bei den anderen beiden Arten ist dieser Sockel kurz und massiv. Am Schwanzansatz ist es umgekehrt. Dort verbreitert sich ein Fortsatz bei Camarasaurus lentus gleichmäßig. Bei den anderen Arten ist er eher T-förmig, mit enger Mitte.

Auch die Zeit trennt die drei Arten. Camarasaurus grandis ist die älteste Art. Sie taucht in der Morrison-Formation zuerst auf. Danach folgt Camarasaurus lentus. Ganz am Ende kommt Camarasaurus supremus dazu. Sie ist zugleich die größte der drei Arten. Auch die Fundorte trennen sich. Camarasaurus grandis stammt vor allem aus Wyoming, Colorado und New Mexico. Camarasaurus lentus lebte in Wyoming und Utah. Camarasaurus supremus kommt aus dem südlichen Colorado, wohl auch aus Oklahoma.

Größenvergleich: Camarasaurus zum Menschen.

Vom Jungtier zum 16-Meter-Riesen

Wie klein Camarasaurus als Jungtier war, zeigen zwei Skelette aus Utah. Der Fundort: der Carnegie-Steinbruch im Dinosaur National Monument. Das kleinere Tier maß nur 5,08 Meter. Das ist kaum länger als ein großer Geländewagen mit Anhänger. Das zweite, ältere Tier kam auf rund 8 Meter. Selbst der Holotyp von Camarasaurus lentus war noch klein: nur 6,11 Meter. Ausgewachsene Tiere dieser Art wurden bis zu 16 Meter lang.

War es wirklich ein neues Tier?

1918 fand Earl Douglass den Schädel des kleineren Jungtiers. Douglass leitete die Grabung. Zuerst hielt er den Fund für Brontosaurus. Kurz danach korrigierte er sich. Er gab dem Tier einen neuen Namen: „Uintasaurus“. Der Grund: auffällig lange Halsrippen. Douglass hielt sie für einzigartig. Spätere Forschung zeigte etwas anderes. Lange Halsrippen sind bei Camarasaurus ganz normal. Der vermeintlich neue Uintasaurus war nur ein junges Exemplar von Camarasaurus lentus.

Ein Name, elf Fossilien, sechs Forscher

Kaum eine andere Art wurde am Anfang so oft neu benannt. Edward Drinker Cope beschrieb Camarasaurus supremus 1877. Er nutzte dafür einzelne Rückenwirbel aus Colorado. Im selben Jahr geschah noch mehr. Cope und sein Rivale Othniel Charles Marsh vergaben mindestens elf weitere Namen. Alle galten angeblich neuen Riesensauriern aus der Nachbarschaft, darunter Atlantosaurus und Apatosaurus. Erst viel später löste sich das Namenswirrwarr auf. Viele dieser „neuen“ Tiere waren schlicht Camarasaurus. Andere waren Brontosaurus oder Apatosaurus unter Doppelnamen.

Camarasaurus oder Brachiosaurus – wie unterscheidet man sie?

Beide Riesen lebten vor rund 150 Millionen Jahren am selben Ort. Beide zählen zu den Macronaria, einer gemeinsamen Sauropoden-Gruppe. Der größte Unterschied liegt im Körperbau. Bei Brachiosaurus waren die Vorderbeine länger als die Hinterbeine. Das gab ihm die typische, schräg ansteigende Schulter. Bei Camarasaurus war es umgekehrt. Die Hinterbeine blieben länger als die Vorderbeine. Das Tier stand deshalb eher waagerecht.

Schädel des Camarasaurus supremus, Royal Tyrrell Museum
Schädel des Camarasaurus supremus, Royal Tyrrell Museum

Ein Riese als Beute

Ein Fund aus dem Jahr 1898 zeigt: Auch große Camarasaurus-Tiere waren nicht sicher. An mehreren Schwanzwirbeln eines großen Tieres finden sich tiefe Kerben. Ihr Muster passt zu den Zähnen eines großen Fleischfressers. Das ist ein direkter Beleg für einen Angriff. Der Fund stammt aus einer Zeit mit einer anderen Theorie. Forscher glaubten damals: Sauropoden lebten wie Alligatoren meist im Wasser. Diese Theorie gilt heute als widerlegt.

Bissspuren am Schulterblatt des Camarasaurus supremus.
Bissspuren am Schulterblatt des Camarasaurus supremus.

Der nördlichste Fund der Morrison-Formation

2017 beschrieben Forscher ein Teilskelett aus Montana. Der Fundort liegt in den Little Snowy Mountains. Es ist der nördlichste bekannte Sauropoden-Fund der ganzen Morrison-Formation. Eine Untersuchung des Knochens brachte eine Überraschung. Das Tier war trotz seiner geringen Größe erwachsen. Das zeigt: Die Größe allein verrät bei Sauropoden nicht das Alter (Woodruff & Foster 2017).

Mehr zum Thema auf urzeittiere.net

Interessiert an den Sauropoden der Morrison-Formation? Dann lohnt sich auch der Artikel zu Brachiosaurus. Er war der hochbeinige Verwandte mit dem markanten Vorderbein-Überhang. Ebenso gibt es einen Artikel zu Brontosaurus. Seine Namensgeschichte ist eng mit der von Camarasaurus verknüpft. Auch Plateosaurus lohnt einen Blick. Er war ein älterer, kleinerer Verwandter aus der Trias. Und dann ist da noch Cathetosaurus. Der Fund ist umstritten. Vielleicht ist er nur ein altes Exemplar von Camarasaurus grandis.


Bildquellen:

Größenvergleich: Gunnar Bivens, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Schädel des Camarasaurus supremus, Royal Tyrrell Museum: Chris Woodrich, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Bissspuren am Schulterblatt eines Camarasaurus supremus. Exemplar AMNH FARB 5760 sc-3: Roberto Lei, Emanuel Tschopp, Christophe Hendrickx, Mathew J. Wedel, Mark Norell, David W.E. Hone​, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons