Brontosaurus: Der Dinosaurier, der zweimal entdeckt wurde
Kaum ein Dinosaurier hat eine so wechselhafte Geschichte wie der Brontosaurus. Fast das ganze 20. Jahrhundert über sagten Fachleute: Diesen Namen gibt es gar nicht. Er sei nur ein anderer Name für Apatosaurus. Trotzdem lernten Kinder den Namen Brontosaurus in der Schule, Generation für Generation. 2015 kam die Überraschung: Eine große Studie gab ihnen recht. Brontosaurus ist doch eine eigene Gattung.

Auf einen Blick
| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Länge | ca. 22–26 m (Werte schwanken je nach Art) |
| Gewicht | ca. 15–32 t (Werte schwanken je nach Art) |
| Fundort | Morrison-Formation, vor allem Como Bluff in Wyoming, USA |
| Zeitalter | Oberjura, vor ca. 155–145 Millionen Jahren |
| Nahrung | Pflanzenfresser |
| Gruppe | Sauropoda, Familie Diplodocidae |
Mit bis zu 32 Tonnen war Brontosaurus so schwer wie fünf große Elefanten zusammen. Selbst die kleineren Exemplare waren 22 bis 26 Meter lang. Das ist so lang wie zwei Gelenkbusse hintereinander. Die große Spanne bei Größe und Gewicht hat einen einfachen Grund. Unter dem Namen Brontosaurus laufen heute drei verschieden große Arten.
Ein Fund mitten im Wettlauf um Knochen
Der Brontosaurus verdankt seine Entdeckung einem heftigen Streit. In den 1870er- und 1880er-Jahren tobten die sogenannten „Bone Wars“. Zwei Fossilienjäger suchten im Westen der USA um die Wette nach Knochen. Ihre Namen: Othniel Charles Marsh und Edward Drinker Cope. Aus Zeitdruck beschrieben beide ihre Funde oft ziemlich knapp und hastig.
1879 fand Marsh bei Como Bluff in Wyoming ein Skelett. Er gab ihm einen neuen Namen: Brontosaurus excelsus, die „erhabene Donnerechse“. Zwei Jahre später folgte eine ausführlichere Beschreibung des fast vollständigen Skeletts. Marsh nannte dabei ein Merkmal besonders wichtig: Das Kreuzbein bestand aus fünf Wirbeln, fest zusammengewachsen. Bei ähnlichen Gattungen waren es höchstens vier.
Wie der Name plötzlich verschwand
1903 untersuchte ein Team um Elmer Riggs vom Field Museum in Chicago noch ein Sauropoden-Skelett. Sein Schluss: Die bisher getrennten Gattungen unterschieden sich zu wenig. Nach den Regeln der Namensvergabe zählt in so einem Fall der ältere Name. Apatosaurus war schon 1877 benannt worden, zwei Jahre vor Brontosaurus. Also verschwand der jüngere Name aus der Fachliteratur.
Verschwunden war er aber nur dort, nicht aus den Köpfen der Menschen. Der Name Brontosaurus blieb über Jahrzehnte in Schulbüchern und Museen präsent. 1989 brachte die US-Post eine Dinosaurier-Briefmarkenserie heraus. Sie wählte dafür „Brontosaurus“ statt des fachlich korrekten „Apatosaurus“. Das Smithsonian-Museum beschwerte sich öffentlich: „Cartoon-Namen statt wissenschaftliche Namen“, lautete der Vorwurf. Besonders pikant: Die Serie wurde ausgerechnet in Disney World vorgestellt.

2015: Die große Untersuchung bringt die Wende
Der Wind drehte sich durch eine Doktorarbeit. Der Forscher Emanuel Tschopp verglich an der Uni Lissabon alle Fossilien der Diplodocidae. Mit ihm arbeiteten Octávio Mateus und Roger Benson von der Uni Oxford zusammen. Sie untersuchten dafür 81 einzelne Skelette – nicht bloß einzelne Arten. Dafür prüften sie 477 Körpermerkmale – damals eine der größten Untersuchungen dieser Art bei Sauropoden. Tschopp wollte dabei zunächst gar nicht Brontosaurus wiederbeleben. Es ging ihm nur um die Verwandtschaft innerhalb der Diplodocidae.
Das Ergebnis erschien 2015 im Fachjournal PeerJ und überraschte trotzdem alle. Die Skelette liefen bis dahin als Apatosaurus excelsus. Doch sie unterschieden sich in mindestens zwölf wichtigen Merkmalen von den übrigen Apatosaurus-Arten. So viele Unterschiede findet man sonst nur zwischen längst anerkannten, eigenständigen Gattungen. Ein Beispiel dafür sind Diplodocus und Barosaurus. Ein echter Apatosaurus hatte demnach einen deutlich wuchtigeren Hals als Brontosaurus. Umgekehrt besaß Brontosaurus eigene Merkmale. Dazu zählen eine runde Ausbuchtung am Schulterblatt und andere Maße an einem Knöchelknochen.
Die Fachwelt reagierte größtenteils zustimmend. Der Forscher Paul Upchurch vom University College London wollte den Namen ab jetzt wieder nutzen. Auch Philip Mannion vom Imperial College London freute sich über das Comeback. Brontosaurus habe einen festen Platz in der öffentlichen Vorstellung, sagte er. Es sei nur gut, dass er zurück sei. Andere Fachleute mahnten zur Vorsicht. Wie viele Unterschiede für eine eigene Gattung reichen, sei nicht immer klar.

Drei Arten unter einem Namen
Die Studie von 2015 ordnete der wiederbelebten Gattung drei Arten zu. Zwei davon liefen vorher unter eigenem Namen:
- Brontosaurus excelsus – die Typusart. Benannt 1879 von Marsh, gefunden bei Como Bluff in Wyoming.
- Brontosaurus parvus – vorher als eigene Gattung Elosaurus geführt, benannt 1902.
- Brontosaurus yahnahpin – vorher als eigene Gattung Eobrontosaurus geführt, benannt 1994. Laut der Studie ist sie die älteste der drei Arten.
Ein Körper wie ein wandelnder Kran
Brontosaurus lief auf vier Beinen, die wie Säulen wirkten. Sein Hals war extrem lang, genauso sein peitschenartiger Schwanz. Einen vollständigen Schädel der Typusart fand bis heute niemand. Das zeigt: Selbst gut erforschte Dinosaurier bleiben oft lückenhaft. Den Schwanz konnte das Tier vermutlich anheben und seitlich schwenken. Manche Forschende vermuten eine Funktion als Peitsche zur Verteidigung. Sicher belegt ist das aber nicht.
Wie andere Sauropoden hatte Brontosaurus wahrscheinlich Luftsäcke in seinen Wirbelknochen. Dieses System ähnelt dem heutiger Vögel. Es machte die Atmung bei einem so massigen Körper leichter.
Wer Brontosaurus und Brachiosaurus vergleicht, sieht den Unterschied sofort an den Beinen. Bei Brontosaurus waren vordere und hintere Beine etwa gleich lang. Sein Rücken lag also waagerecht. Brachiosaurus dagegen hatte deutlich längere Vorderbeine. Sein Rücken fiel nach hinten ab, ähnlich wie bei einer Giraffe. Auch der Schwanz war anders: bei Brontosaurus länger und peitschenartig, bei Brachiosaurus kürzer.
Was stand auf dem Speiseplan?
Sein Kopf war klein, im Verhältnis zum Rest des Körpers winzig. Trotzdem konnte Brontosaurus riesige Mengen Pflanzen fressen. Der Grund: Er kaute gar nicht erst. Wie ein Vogel besaß er wahrscheinlich einen Muskelmagen. Dazu schluckte er Steine, die dort die Nahrung zermahlten. Manche Forschende vermuten noch mehr. Das Tier konnte sich vielleicht zeitweise auf die Hinterbeine stellen. So kam es an hohe Pflanzen. Bewiesen ist auch das nicht – nur eine Idee.
Kein Sumpfbewohner
Diese alte Vorstellung gilt heute als widerlegt: Brontosaurus war ein reines Landtier. Lange hielt sich trotzdem die Idee, Riesensauropoden wie er hätten die meiste Zeit halb im Sumpf verbracht, um ihr Gewicht zu tragen. Sein Körperbau spricht dagegen: die säulenartigen Beine, die Luftsäcke im Skelett. So trug er sein Gewicht an Land – ähnlich wie ein heutiger Elefant.
Mehr zum Thema auf urzeittiere.net
Brontosaurus lebte zur gleichen Zeit wie Camptosaurus, in derselben Morrison-Formation. Camptosaurus war aber ein deutlich kleinerer Pflanzenfresser mit ganz anderer Ernährungsstrategie. Ähnlich baute auch Brachiosaurus – allerdings mit deutlich längeren Vorder- als Hinterbeinen, wie weiter oben im Körperbau-Vergleich beschrieben.
Bilquellen:
Größenvergleich: Matt Martyniuk, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Brontosaurus Skelett: Matthew Bellemare, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
