Plateosaurus

Schwäbischer Lindwurm

Plateosaurus: Der Dinosaurier, der seinen eigenen Namen verlor

1834 grub der Sammler Johann Friedrich Engelhardt in einer Tongrube bei Nürnberg die ersten Knochen aus. Es war der erste Dinosaurierfund auf deutschem Boden überhaupt. Drei Jahre später bekam das Tier seinen Namen: Plateosaurus engelhardti, zu Ehren des Finders. Fast 200 Jahre später, im Jahr 2019, traf ein internationales Fachgremium eine Entscheidung: Der alte Name gilt seitdem nicht mehr. An seine Stelle trat ein neuer Name, Plateosaurus trossingensis – benannt nach einem ganz anderen Fundort.

Plateosaurus trossingensis
Plateosaurus trossingensis

Auf einen Blick

MerkmalWert
Längeerwachsene Tiere 4,8–10 Meter
Gewichtca. 600–1.000 kg
FundortDeutschland (Trossingen, Halberstadt) und Schweiz (Frick)
ZeitalterObertrias, vor ca. 210 Millionen Jahren
NahrungPflanzenfresser

Ein ausgewachsener Plateosaurus war bis zu zehn Meter lang. Er wog bis zu 1.000 Kilogramm – so schwer wie ein großes Hausrind. Er lief auf zwei kräftigen Hinterbeinen. Seine Arme wirken auf Museumsskeletten kräftig, reichten aber kaum über die eigene Schulter hinaus. Für einen echten Gang auf vier Beinen waren sie zu kurz. Er zählt zu den frühen Vertretern der Sauropodomorpha. Aus dieser Gruppe gingen später die viel größeren, langhalsigen Sauropoden hervor.

Warum heißt er heute plötzlich anders?

Der Name Plateosaurus engelhardti (deutscher Name: Schwäbischer Lindwurm) hielt sich über anderthalb Jahrhunderte. Doch der allererste Fund von 1834 war zu unvollständig. Er ließ sich nicht eindeutig einer bestimmten Art zuordnen. Fachleute nennen so etwas ein „nomen dubium“, einen zweifelhaften Namen. 2012 stellte der Paläontologe Peter Galton deshalb einen Antrag – an die Internationale Kommission für Zoologische Nomenklatur, kurz ICZN. Sein Ziel: den Bezugspunkt der Gattung austauschen. 2019 traf das Gremium seine Entscheidung. Plateosaurus trossingensis wurde zur neuen Typusart. Dieser Name stammt bereits aus dem Jahr 1913, benannt nach Fundmaterial aus Trossingen. Für die Praxis bedeutet das: Fast das gesamte bekannte Fossilmaterial trug jahrzehntelang den Namen P. engelhardti. Heute trägt es korrekt den Namen P. trossingensis.

2021 bestätigte eine große Studie diesen Befund. Sie untersuchte 18 Schädel aus drei verschiedenen Fundstellen. Ein Ergebnis: Es gibt keinen Beleg für mehr als eine Art in diesem Material. Nur eine Ausnahme bleibt gesichert, die deutlich seltenere zweite Art Plateosaurus gracilis. Sie lässt sich an einem eigenen, klar abgrenzbaren Merkmal am Schädel erkennen.

Drei Massenfriedhöfe und ein rätselhaftes Sterben

Kaum ein anderer Dinosaurier ist so gut belegt wie er. Der Grund: drei große Fundstellen. Zwei davon liegen in Deutschland, in Trossingen und Halberstadt. Die dritte liegt im Schweizer Kanton Aargau, bei Frick. Aus Trossingen stammen rund 80 nahezu vollständige Skelette. Aus Halberstadt sind es zwischen 39 und 50. Aus Frick stammen über 40 Skelette. In der Tongrube „Gruhalde“ bei Frick wird seit 1976 bis heute weiter gegraben.

An allen drei Orten liegen die Skelette in einer auffällig ähnlichen Haltung: auf dem Bauch, der Vorderkörper verdreht, die Arme seitlich abgespreizt. Die Hinterbeine wirken eingeknickt. Fachleute nennen das informell die „Frosch-Kick-Haltung“. Sie gilt als Beleg für die Einsink-Hypothese. Demnach blieben die Tiere einzeln in schlammigen Wasserstellen stecken, in einer saisonal trockenen Flussebene. Beim Versuch, sich mit den Beinen herauszustemmen, verendeten sie. Ob die vielen Funde am selben Ort auf ein Leben in Herden hindeuten, ist unter Fachleuten umstritten. Wiederkehrende Wasserstellen könnten über lange Zeiträume auch viele einzelne Tiere angezogen haben, ganz ohne Herdenleben.

Ein Schwanz als Verteidigungswaffe?

Er besaß weder Panzerplatten noch Hörner. Gegen Fleischfresser wie den kleineren Liliensternus war er praktisch schutzlos. Genau das macht ein Skelett aus Frick so interessant. Es wurde 2025 untersucht und hat einen fast vollständig erhaltenen Schwanz. Dieser Schwanz bestand aus rund 45 Wirbeln. Er machte etwa 45 Prozent der gesamten Körperlänge aus. Zur Seite war er sehr beweglich, ähnlich einer Peitsche.

Ein Forschungsteam berechnete anhand der Wirbelmaße die Energie eines seitlichen Schwanzschlags. Ein schneller Peitschenschlag der Schwanzspitze allein brächte bis zu 1,6 Kilojoule. Das ist vergleichbar mit den Abwehrschlägen heutiger Bindenwarane und Grüner Leguane. Der komplette Schwanz, waagerecht ausgeholt, könnte sogar bis zu 174 Kilojoule freisetzen. Bewiesen ist diese Abwehrfunktion damit aber nicht. Die Forschenden selbst nennen ihre Idee eine plausible, aber unbewiesene Hypothese. Direkte Kampfspuren fehlen bislang.

Vom Ei zum Riesen – ohne festen Fahrplan

Wie schnell ein einzelnes Tier wuchs, ließ sich lange kaum vorhersagen. Manche Tiere erreichten ihre Skelettreife schon mit elf Jahren. Andere brauchten dafür 21 bis 25 Jahre. Am Ende wurden sie trotzdem unterschiedlich groß. Fachleute nennen das eine Plastizität in der Entwicklung. Diese Eigenschaft kennt man sonst eher von wechselwarmen Tieren.

Wie ein ganz junges Tier aussah, blieb lange unbekannt. Das änderte sich erst mit einem Fund aus Frick: ein Jungtier-Skelett mit dem Spitznamen „Fabian“. Es misst nur rund 2,3 Meter und wog schätzungsweise 40 Kilogramm. Überraschend war vor allem, wie sehr es bereits einem kleinen Erwachsenen glich. Nur der Hals war relativ etwas länger, die Hand etwas größer. Offenbar fand er seine grundlegende Form schon sehr früh im Leben – lange bevor er seine volle Größe erreichte.

Verletzungen und eine schwere Knocheninfektion

Bei so vielen erhaltenen Skeletten überrascht eines: Krankheits- und Verletzungsspuren wurden bislang nur selten dokumentiert. Zwei aktuelle Funde ändern das. Bei zwei Individuen aus Trossingen zeigen jeweils drei Schwanzwirbel deutliche Heilungsspuren. Insgesamt zeigen 14,8 Prozent aller untersuchten Tiere solche Schäden. Mögliche Ursachen sind ein Sturz, das Zerren des Schwanzes im Schlamm oder sogar ein missglückter Angriff. Beide Tiere überlebten ihre Verletzung.

Deutlich dramatischer ist ein Skelett aus Frick, geborgen 2018. Es trägt heute den Spitznamen „Teoplati“ und steht im Naturhistorischen Museum der Universität Zürich. Mit rund 7,7 Metern Länge zählt es zu den größten bekannten Tieren aus Frick. Das Tier starb im Alter von etwa 23 bis 25 Jahren. Es lebte offenbar lange mit einer schweren, chronischen Knocheninfektion – im rechten Schulterblatt und im Oberarmknochen. Die Forschungsgruppe hält den Fall für einen der schwersten bekannten Fälle bei Dinosauriern. Die Einschränkung im Arm könnte dem Tier sogar zum Verhängnis geworden sein. Sie könnte es daran gehindert haben, sich aus einer Schlammfalle zu befreien. Genau solche Fallen gelten andernorts als Todesursache der drei Massenfriedhöfe.

Robuste und schlanke Typen – ein Geschlechtsunterschied?

Forschende vermaßen Arm- und Unterarmknochen zahlreicher Individuen in 3D. Dabei fielen bei Elle und Speiche zwei wiederkehrende Formtypen auf: ein robusterer und ein deutlich schlankerer. Bei anderen Dinosauriern deutet man solche Muster oft als Unterschied zwischen den Geschlechtern. Bei ihm fehlt dafür bislang eine Bestätigung. Eine gezielte Untersuchung des Knochengewebes fand keine passenden Unterschiede. Ob es sich um Männchen und Weibchen handelt, um zwei Altersgruppen oder um normale Unterschiede zwischen einzelnen Tieren, bleibt offen.


Bildquellen: Dropzink, modified my FunkMonk and Dinoguy2Vector version byGYassineMrabetTalk✉  This W3C-unspecified vector image was created with Inkscape., CC BY 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by/3.0, via Wikimedia Commons

Plateosaurus Skelett: FunkMonk, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons