Deinonychus

Deinonychus: Der Raptor, der die Dinosaurier-Renaissance auslöste

John Ostrom beschrieb ihn 1969. Damit stellte er ein altes Bild infrage: den trägen, kaltblütigen Dinosaurier. Deinonychus antirrhopus hatte ein bewegliches Skelett und eine sichelförmige Kralle am Fuß. Er zeigte klare Spuren von aktivem Jagen. Das löste eine ganze Welle aus, die als „Dinosaurier-Renaissance“ in die Geschichte einging. Erstmals galten Dinosaurier als aktive Tiere, nah verwandt mit Vögeln – nicht mehr als träge Kulisse.

Deinonychus

Auf einen Blick

MerkmalWert
Längebis ca. 3 Meter
Gewichtbis ca. 170 kg
FundortCloverly-Formation (Montana) und Antlers-Formation (Oklahoma), Nordamerika
ZeitalterFrühe Kreidezeit, vor ca. 115–108 Mio. Jahren
NahrungFleischfresser

Bis zu drei Meter lang, bis zu 170 Kilo schwer. Das ist so viel wie zwei erwachsene Menschen zusammen. Sein Körperbau war trotzdem schlank und wendig, kein Schwergewicht. Er gehört zur Familie der Dromaeosauriden, den „Raptoren“. Zu dieser Familie zählt auch der später lebende Acheroraptor.

Der Star der Dinosaurier-Renaissance

Ostrom fand die ersten Fossilien in der Cloverly-Formation in Montana. Spätere Funde kamen aus der Antlers-Formation in Oklahoma dazu. Vor 1969 galten Dinosaurier als schwerfällig und kaltblütig. Doch das Skelett von Deinonychus passte nicht in dieses Bild. Es war beweglich, gebaut für die Jagd. Die Folge: eine ganze Welle neuer Forschung, bis heute bekannt als „Dinosaurier-Renaissance“.

Sein Name bedeutet „schreckliche Klaue“. Er spielt auf die große Sichelkralle am zweiten Zeh an – das Markenzeichen aller Raptoren. Der Artname „antirrhopus“ verweist auf den steifen Schwanz. Er diente als Balance-Stange bei schnellen Wendungen.

Deinonychus |  Größe, Beute & Sichelkralle

Krallen wie Adlerfänge

Lange galt die Kralle als reine Waffe zum Aufschlitzen der Beute. Neue Modelle am Computer zeichnen ein anderes Bild. An der Spitze der Kralle wirkte nur wenig Kraft. Das spricht gegen eine Schlitzfunktion. Es spricht auch gegen die Idee, das Tier habe sein ganzes Gewicht über die Kralle in die Beute gedrückt.

Wahrscheinlicher ist eine andere Funktion: Greifen und festhalten. Die Kralle hielt kleinere Tiere fest, während der Kiefer die Arbeit übernahm. Der Forscher Denver Fowler vergleicht das mit den Fängen von Habichten und Adlern. Sie packen zu und fixieren, statt zu schneiden. Auch die Form des Fußes passt zu diesem Bild: Sie ähnelt der von Habichtartigen unter den heutigen Vögeln.

Auch der Schädel war auf Leistung gebaut: kurz und hoch an der Schnauze. Er biss stärker zu als bei anderen Raptoren. Ein leicht eingesenktes Schädeldach bot wohl Platz für einen größeren Muskel am Kiefer. Trotzdem war der Schädel nicht so robust wie bei manchen Verwandten. Ein Grund dafür könnte sein: Deinonychus fraß seltener Aas als andere Raptoren.

Die Vorderbeine konnten viel: beidhändig greifen, einhändig zupacken, vermutlich auch mit den Armen winken bei der Balz. Gefiederte Flügel dürften aber verhindert haben, dass die Hände am Boden zupackten. Diese Arbeit erledigten Kiefer und Fuß.

Ein Bindeglied zum Vogel

Im Stammbaum der Theropoden nimmt Deinonychus einen Schlüsselplatz ein. Er gehört zur Deinonychosauria, einer Gruppe aus Dromaeosauriden und Troodontiden. Diese Gruppe gilt als Schwestergruppe der Vögel. Ein direkter Vorfahre ist er also nicht – wohl aber ein naher Verwandter am selben Ast des Stammbaums.

CT-Scans seines Oberkiefers zeigen mehr Details. Sie ordnen ihn als frühen Vertreter der Eudromaeosaurier ein, mit Merkmalen aus zwei Unterfamilien der Raptoren zugleich. Für den gemeinsamen Vorfahren von Deinonychus und den heutigen Vögeln gibt es sogar einen eigenen Namen: Eumaniraptora.

Wie eng er mit anderen Raptoren verwandt ist, zeigt ein Blick auf seine nächsten Nachbarn im Stammbaum:

VerwandterBeziehung zu DeinonychusUnterscheidungsmerkmal
Velociraptor mongoliensisEnger VerwandterAnderer Bau von Schläfe, Nase und Oberkiefer
Neuquenraptor argentinusVerwandter aus SüdamerikaBeleg für weltweite Verbreitung der Gruppe
Bambiraptor feinbergorumZeitgleich lebender VerwandterGegenüberstehende Finger, einhändiges Greifen
TroodontidaeSchwesterfamilieKeine Interdentalplatten, vogelähnliche Zähne

Der bekannteste Name in dieser Tabelle dürfte Velociraptor sein. Das liegt auch an „Jurassic Park“: Die Filmreihe baute ihre Leinwand-Velociraptoren vor allem nach dem Vorbild von Deinonychus, der zur Entstehungszeit deutlich besser erforscht war als die tatsächlich kleinere Gattung Velociraptor. Anatomisch trennen beide Tiere trotzdem klare Unterschiede an Schädel und Gesicht.

Funde aus dem fernen Patagonien zeigen, wie weit diese Tiergruppe schon früh verbreitet war. Sie belegen: Nord- und Südkontinente hatten sich in der Kreidezeit faunistisch ähnlicher als lange gedacht. Deinonychus war also keine regionale Randerscheinung. Er gehörte zu einer weltweit erfolgreichen Tiergruppe.

Deinonychus Schädel
Deinonychus Schädel | ©urzeittiere.net

Der Jäger, der (vielleicht) nicht im Rudel jagte

Zähne von Deinonychus tauchen oft neben Skeletten des Pflanzenfressers Tenontosaurus tilletti auf. Das verrät einiges über seinen Speiseplan. Bei einem fast vollständigen Skelett aus der Cloverly-Formation lagen sogar seine Zähne und Magensteine direkt daneben.

Analysen der Isotope im Zahnschmelz stützen diese Verbindung – und zeigen etwas Überraschendes. Die Ernährung änderte sich mit dem Alter: Junge Tiere fraßen offenbar andere, kleinere Beute als die Erwachsenen. Dieses Muster erinnert eher an einzelgängerische Reptilien wie den Komodowaran. Bei Säugetieren, die im Team jagen, fehlt ein solcher Wechsel meist.

Genau diese Funde nährten früh eine populäre Vorstellung: Deinonychus als koordinierter Rudeljäger. Bis heute hält sich dieses Bild in Wissenschaft und Popkultur. Ganz unproblematisch ist es aber nicht. Hoch koordinierte Jagd im Team beobachten Forschende bei heutigen Krokodilen und Vögeln nur äußerst selten.

Studien zum Stammbaum kommen daher zu einem anderen Schluss. Eine an Säugetiere erinnernde Rudeljagd ist bei diesen Dinosauriern unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher sind Einzeljagd oder lockere Gruppen. Am Fundort, wo Deinonychus zuerst entdeckt wurde, gibt es sogar Hinweise auf Streit innerhalb der Art. Das passt eher zu einem rauen Sozialleben als zu einem harmonischen Rudel.

Fährten aus China liefern den bisher besten Beleg für geselliges Verhalten in dieser Tiergruppe: mehrere Spuren, die parallel verlaufen. Doch Geselligkeit heißt nicht automatisch Rudeljagd. Beides muss nicht zusammenhängen.

Vom Ei zum Flugversuch

Ein Teil-Ei gibt seltene Einblicke ins Brutverhalten. Es lag direkt bei den Bauchrippen eines erwachsenen Tiers mit der Sammlungsnummer AMNH 3015. Die Struktur der Eischale passt zu einem Dinosaurier-Ursprung. Eine Untersuchung der Knochen bestätigt zudem: Das Tier war geschlechtsreif.

Noch spannender ist ein Fund eines Jungtiers, Nummer MCZ 8791. Es war schätzungsweise ein bis zwei Jahre alt. Die Form der Vorderbeine, das Handgelenk und ein Knochenfortsatz am Ellbogen stützen eine steile These. Junge Deinonychus konnten vielleicht ein wenig fliegen. Als Erwachsene verloren sie das offenbar wieder. Ein Beweis ist das nicht – aber ein starkes Indiz.

Auch beim Wachstum selbst zeigt sich ein Muster. Studien an den Knochen belegen: Wie schnell die Hinterbeine wuchsen, hing von der Fortbewegungsart ab. Bei kleineren Verwandten von Deinonychus setzte die erste Wachstumsbremse später ein als bei größeren Arten. Das zeigt, wie eng Körpergröße und Lebensweise bei dieser Tiergruppe zusammenhingen.

Eine Untersuchung der Fußgelenke zeigt außerdem, wie Deinonychus lief. Beim Bau der Hinterbeine ähnelt er anderen Verwandten und frühen Vögeln wie Archaeopteryx. Das zeigt sich vor allem an der Stellung der Zehen und an der zweiten Kralle. Ein weiteres Puzzleteil auf dem langen Weg vom Bodenjäger zum Vogel.

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  • Acheroraptor – ein rund 45 Millionen Jahre jüngerer Verwandter aus derselben Raptoren-Familie, dessen Körpergröße sich unter anderem an Deinonychus orientiert.